1929

 

 

erstellt am Freitag, den 29. Oktober 2004

Schwarzer Freitag an der Wallstreet

 

 zum 75. Jahrestag des „Schwarzen Freitags“ an der Wall Street 

Jeden Tag geht es an den Börsen dieser Welt ums Ganze, jeden Tag träumen Anleger den Traum vom ganz großen Coup, der sie der finanziellen Unabhängigkeit ein Stück näher bringt. „Die Triebfeder hinter der Spekulation ist die Gier der Menschen, schnell und ohne Arbeit viel Geld zu machen“*, brachte André Kostolany, der ungarischeGrandseigneur der Börse, die entscheidende Motivation hinter einem Investment an den Aktienmärkten einst treffend auf den Punkt. An manchen Tagen jedoch wird die Gier so groß, dass sie „das Gehirn frisst“* und der schier unvermeidliche Ausverkauf seinen Lauf nimmt. (*André Kostolany)

 

So bitter ein Abschwung oder gar eine Baisse für Anleger ausfallen mögen – kein Crash kann es mit jenem einmaligen Horrorszenario aufnehmen, das sich heute fast auf den Tag genau vor 75 Jahren an der Wall Street abspielte und alle späteren Anlegergenerationen für immer prägen sollte.

 

25 Jahre auf der Jagd nach den alten Höchstständen

Vor allem aus dem Blickwinkel der jüngsten Börsenbaisse weckt die Rückblende zu 1929 die schlimmsten Befürchtungen – nämlich die Sorge, dass es trotz der Erholung an den Weltbörsen noch sehr lange bis zu den alten Höchstkursen dauern könnte.

Im Börsencrash von 1929 fiel der bereits damals maßgebliche Dow Jones-Index von einem Höchststand bei 381 am 3. September 1929 bis auf sage und schreibe 41 Punkte am 8. Juli 1932 – ein astronomischer Kursverlust von 90 Prozent in nichteinmal drei Jahren.

Schlimmer jedoch: Es dauerte eine ganze Anlegergeneration, um die alten Höchststände wieder zu erklimmen. Erst mehr als 25 Jahre später, im November 1954, sollte der Dow Jones wieder oberhalb von 381 Punkten notieren. Im Nachhall des großen Börsenkrachs von 1929 versank die Weltwirtschaft in einer beispiellosen Krise, in der eine ganze Reihe von Industriezweigen am Boden lagen, zahlreiche Banken in Konkurs gingen und am Ende 30 Millionen Amerikaner ohne Job dastanden.

 

Aktien wurden zum Gesprächsthema Nummer 1

Wie konnte das passieren? Ähnlich wie beim Börsenboom der späten 90-Jahre war dem großen Crash eine enorme Haussebewegung vorausgegangen. Seit 1927, als der Dow noch bei knapp 150 Punkten notierte, gewann die Börsenspekulation nachhaltig an Fahrt. Aktien wurden zum „Talk of the Town“, zum allgemeinen Gesprächsthema des öffentlichen Lebens.

Die Performance sprach für sich: Ende des Jahres 1927 stand der Dow bei 203 Punkten, Ende 1928 bereits bei 300 Punkten – ein üppiges Kursplus von 48 Prozent im Blue Chip-Index. Doch damit nicht genug: Im Sommer 1929 wurde die 350-Punktemarke genommen, der rasanten Rallye schien kein Ende gesetzt. Es war eine Zeit, in der selbst renommierte Ökonomen wie Irving Fischer den Verstand verloren und den Beginn eines scheinbar goldenen Zeitalters verkündeten: „Die Aktienkurse haben ein dauerhaftes Niveau erreicht. Sie sind nicht zu hoch, und die Wall Street wird nichts dergleichen wie einen Crash erleben“, wurde der angesehene Yale-Professor in der „New York Times“ zitiert.

Jener grenzenlose Optimismus übertrug sich im Laufe der immer rasanteren Haussebewegung auf viele Privatanleger, die bislang nicht in Aktien investiert hatten. Angestachelt von Investmenttrusts, den Vorläufern der Fondsgesellschaften, spekulierten viele Anleger auf Kredit (Margin), um so größeren Profit erzielen zu können – die Hausse nährte die Hausse. Standardwerte wie General Electric, RCA oder Montgomery Ward legten innerhalb von zwei Jahren um 350 bis 500 Prozent zu!

Um so heftiger fiel der Absturz aus, als einmal der Hebel umgelegt wurde. Den ganzen Sommer 1929 über rumorte die Wall Street. Die Konjunktur verlor an Schwung, erste skeptische Stimmen wurden laut. „Schönes Wetter kann nicht ewig andauern. Die Wirtschaftszyklen gelten auch heute noch“, erklärte etwa der Wirtschaftswissenschaftler Roger Babson. „Früher oder später wird der Crash kommen, und er kann schrecklich werden.“

Schwarzer Oktober beendet Aktionärsträume 

Er wurde schrecklicher als von Börsianern je für möglich gehalten. Vom 21. bis 24. Oktober hatten die Sorge, dann die Angst und schließlich die pure Panik die Wall Street fest im Griff: Zweistellige Verluste bei hohem Handelsvolumen waren die Folge. Der echte Crash ereignete sich jedoch am legendären „Schwarzen Freitag“, dem 25. Oktober: Weil Banken für ihre Kredite neue Sicherheiten forderten, waren viele Anleger gezwungen, ihre Positionen zu zwangsliquidieren – der Verkaufsdruck schwoll so stark an, dass der Kursticker um mehrere Stunden hinterher hinkte. Der Anfang vom Ende hatte seinen Lauf genommen. Am „Schwarzen Montag“, dem 28. Oktober, kannte die Verkaufspanik kein Halten mehr – der Dow Jones verlor um 13 Prozent, nur um am Dienstag weitere 13 Prozent abzugeben.

Innerhalb von nicht einmal zwei Handelswochen hatte der Dow mehr als 100 Punkte an Wert verloren. Obschon der Ausverkauf im November kurzzeitig stockte, konnte der Abwärtstrend nicht mehr gestoppt werden: 1930 fiel die 200-Punktemarke, 1931 die 100-Punktemarke, ehe Mitte 1932 das historische Tief von 41 Punkten markiert wurde.

Erstaunlicherweise setzte der amerikanische Leitindex von diesem Niveau in den nächsten fünf Jahren zu einer beachtlichen 400-Prozent-Rallye bis über die 200-Punktemarke an, die jedoch im Folgejahr mit einem kläglichen 50-Prozent-Einbruch unter 100 Punkte scheiterten.


Die brutale Durststrecke des Dow Jones nach dem historischen Börsencrash von 1929 sollte den Investoren der heutigen Zeit eine Lehre sein:

Obschon es seit dem Tief im Frühjahr 2003 nach einer nachhaltigen Erholung an den Aktienmärkten aussieht, sollten Anleger nicht zu schnell auf alte Höchststände (von etwa 8100 Punkten im Dax) hoffen. Die Börsengeschichte lehrt vielmehr, dass der Weg zu alten Höchstmarken zwischenzeitlich mit enormen Rückschlägen gepflastert ist.


Wenn Hausfrauen anfangen Aktien zu kaufen, sollten Sie nun wissen was zu tun ist.

 

Friedrich Dathe

Trading Coach